Kopf = Kapital

„Von mir aus könntest Du ja noch viel mehr solcher Beiträge aus dem Wirtschaftsbereich bringen. Ich finde, es ist so wichtig, über den Tellerrand zu schauen, erstens für den Reality-Check und zweitens, um Neues zu lernen. Das von Dir gebrachte Beuys-Zitat („Kunst = Kapital“; Anmerkung TK.) ist ungeheuer vielschichtig, schließlich gibt es ja nicht nur Kapital in Form von Geld.“

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So geschrieben von Christian Henner-Fehr in einem der Kommentare zum letzten Artikel. Da er damit ein Thema aufgreift, welches den Hintergrund meines Projektes betrifft, möchte ich meine Antwort auf diesen Kommentar als eigenen Beitrag hier hervorheben. Ich denke, dass es mir durch das schrittweise Erläutern – ganz im Sinne eines Gesprächs – auch viel leichter fallen wird, diesen Hintergrund etwas transparenter und vor allem verständlicher zu machen. Hier meine Antwort:

„Lieber Christian,
“Kapital” kommt ja vom lateinischen “Caput”, dem Wort für Kopf. Meistens wird das immer so erklärt, dass das Vieh, gezählt nach Köpfen, als Währung in einer bäuerlich oder nomadisch geprägten Kultur diente und daher der Kopf für Kapital steht. Oder es wird erklärt, dass auf den römischen Münzen immer der Kopf des Kaisers als Garant für den Wert des Geldes abgebildet war.

Viel richtiger erscheint mir aber die Formulierung: Das Kapital IST DER KOPF. Diesen Gedanken wollte ich im Schlußsatz des untenstehenden Beitrags auch durch die hintersinnige Ironie andeuten.

Der Beuys’sche Gedanke “Kunst = Kapital” drückt denselben Sachverhalt aus, den ich mit “Kopf = Kapital” etwas allgemeinverständlicher formuliere. Beuys will mit seiner Aussage “Jeder Mensch ist ein Künstler” nur auf die prinzipielle Schöpferkraft in jedem Menschen hinweisen. Es geht nicht darum, dass jeder Bilder malen sollte! Vielmehr nutzt Beuys den Begriff „Künstler“, um das Prototypische der schöpferischen Fähigkeiten des Menschen anschaulich zu machen. Diese Schöpferkraft ist unser Kapital. Dieses Kapital ist nichts außerhalb von uns liegendes. Nichts im Bereich der SACHEN. Die Schöpferkraft hat in den Gedanken der Menschen ihre Wurzel. Und diese Gedanken befinden sich – eben – im Kopf.“

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10 Kommentare

  1. Und damit wird auch deutlich, wie oft wir Beuys Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“ falsch verwenden oder sogar missbrauchen.

    Aber denken wir mal einen Schritt weiter: Das Ergebnis der Schöpferkraft eines Menschen muss ja nicht unbedingt etwas sein, was wir als Kunst bezeichnen. Heißt das dann, dass nicht-künstlerische Resultate dieser Schöpferkraft mit künstlerischen Ergebnissen vergleichbar sind? Und würde das nicht bedeuten, dass Kunst und Kapital gar nicht so weit voneinander entfernt sind wie viele immer behaupten?

  2. Die Resultate sind unterschiedlich, weil die jeweilige Intention eine andere ist. D.h. der Künstler befriedigt mit seinen Produkten andere Bedürfnisse als, z.B. ein Ingenieur oder ein Innenarchitekt. Die grundlegende Tätigkeit, geprägt von Liebe zur Sache, Vision, Mut und Zuversicht und dem intensiven Verlangen diese Vision Gestalt werden zu lassen, ist aber gleich. Deswegen: „Jeder Mensch ist ein Künstler“.

    Wenn einer nur „halbherzig“ oder „schludrig“ bei der Sache ist, oder von Zweifeln geplagt ist oder diffuse oder gar keine Visionen verfolgt, sind seine Ergebnisse (=Schöpfungen) höchstens mittelmäßig oder scheitern, bevor sie richtig das Licht der Welt erblicken. Das kommt gerade bei jungen Unternehmen sehr häufig vor, wie ich aus eigener Anschauung weiß.

    Der Satz „Kunst = Kapital“ ist sehr weitgehend, wenn man die damit verbundenen Anschauungen zuende denkt. Ich vermute, Beuys hat den Begriff „Künstler“ für diese prototypische menschliche Fähigkeit vor allem deswegen gewählt, weil man dem Künstler gerade diese Eigenschaften bei seinem Tun (Liebe, Mut, Vision, Verlangen) in hohem Maße unterstellt. Man denke an Künstlerfiguren wie van Gogh, Picasso oder Michelangelo, die im kollektiven Bewusstsein ja sehr präsent sind.

  3. Nachdem Du ja die Finanzwelt und den Kunst- und Kulturbereich kennst, finde ich Deine Anmerkungen doppelt interessant. Im nächsten Schritt müsste man untersuchen, ob die Intentionen weit auseinander liegen oder ob es da auch Gemeinsamkeiten oder zumindest Überschneidungen gibt.

  4. Es gibt Überschneidungen, da jeder Künstler auch ökonomisch erfolgreich sein will und sein muss, um leben zu können.

    Das große Drama im Leben eines Künstlers ist wohl, wenn er nicht davon leben kann oder nicht weiß wie er das erreichen kann. Allerdings ist dieses Drama für einen Unternehmensgründer genauso existenziell und oft auch genauso schwer zu knacken. Eine gute Idee allein reicht nicht dafür.

    Ansonsten sind aber die Intentionen andere, da die Produkte andere Ziele verfolgen.

    Nutzt man ein Auto z.B. zum Fahren (Grundnutzen, sagt der Ökonom), zum Angeben und Status demonstrieren (Geltungsnutzen) oder um die eigenen Kräfte zu überhöhen (Magischer Nutzen), so muss sich der Unternehmer, der ein Auto herstellen und verkaufen will, genau im Klaren darüber sein, wie er diese Dimensionen in sein Produkt einbaut.

    Auf die Kunst hat man (meines Wissens) dieses Nutzenschema der Nürnberger Schule (Vershofen) noch nicht bewußt angewendet, gleichwohl stammen die Ansätze in der Ökonomie dazu aus geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie Semiotik, Ikonographie oder Psychologie.

    Die Intentionen der Künstler selber sind wahrscheinlich so vielfältig wie die Kunst, die sie machen. Im Endeffekt geht es aber immer um eine Distanzierung von der Wirklichkeit durch ein Symbol, um eine Ent-Identifikation, um neue Aspekte der Wirklichkeit zu erfahren oder erfahrbar zu machen.

    Ich hoffe, das war jetzt nicht zu kompliziert gesagt, sonst muss ich das noch mal neu formulieren 😮

  5. Danke Tilmann für diese Erklärungen. Da gibt es einige Aspekte, die bedenkenswert sind.

    Interessant finde ich die Unterscheidung von Grundnutzen, Geltungsnutzen und magischem Nutzen. Übertrage ich Dein Beispiel vom Auto auf die Kunst, dann tue ich mir mit dem Geltungs- und dem magischen Nutzen relativ leicht. Schwierig wird es mit dem Grundnutzen. Ich habe erst heute im Blog einen Beitrag von Adam Thurman aufgegriffen, der der Meinung ist, dass sich die Menschen untereinander vernetzen wollen und die Kunst das Hub dazu ist, an dem sie andocken können.

    Nun gibt es natürlich viele Hubs, die mir die Möglichkeit zur Vernetzung bieten; da kann ich auch auf den Fussballplatz gehen. Nun kommt aber die inhaltliche Komponente ins Spiel: ich möchte mich mit anderen vernetzen, die sich mit dem beschäftigen, was Du aus KünstlerInnensicht sehr schön formuliert hast: „…um neue Aspekte der Wirklichkeit zu erfahren oder erfahrbar zu machen.“

    Wenn wir jetzt die drei von Dir beschriebenen Formen der Nutzung mit Thurmans Behauptung „they want to connect to other people“verknüpfen, dann tue ich mir mit letzterer leichter, denn diese Vernetzung kann auf den verschiedenen Ebenen (Grund-, Geltungs- und magischer Nutzen) stattfinden.

    Das heißt, ich als BesucherIn kann völlig oberflächliche Motive haben, die mich in ein Theater treiben. Ich kann aber auch ausschließlich (?) inhaltlich getrieben sein.

  6. Danke für die weiterführenden Gedanken, Christian.

    Es gibt in dem zitierten Nutzenschema noch weitere Arten von Nutzen, die je nach Autor verschieden definiert werden. Z.B. Orientierungsnutzen oder transzendentaler Nutzen etc.. Ich hatte mich oben, der Übersichtlichkeit halber, nur auf drei beschränkt.

    Prinzipiell gilt: Hat ein Produkt/eine Dienstleistung die gleiche Höhe des Grundnutzens (um beim Autobeispiel zu bleiben: haben also alle Autos elektrische Fensterheber, Klimaautomatik, Servolenkung etc.), wird dasjenige gekauft, welches die höchsten, sprich feinsten und immateriellsten Nutzenebenen anspricht.

    Übertragen auf die Kunst: Bieten zwei Theaterstücke gute Unterhaltung, so wird dasjenige mehr Erfolg haben, das noch höhere Ebenen im Menschen zum Klingen bringt.

    Kunst ist sicherlich ein „Hub“ für sozialen Kontakt. Du hast aber völlig recht, dazu kann auch der Fußballplatz dienen.

    Der soziale Kontakt ist für den Menschen eines der wichtigsten Bedürfnisse. Gleich nach Essen, Trinken und Schlafen, zweifelsohne. Und jetzt kommt der Punkt: Da Kunst vom Ursprung her dazu gemacht ist, die höheren und höchsten Nutzenkategorien anzusprechen, bietet sich auch eine Möglichkeit verschiedene soziale Ereignisse durch Kunst „zu adeln“ und damit von vergleichbaren sozialen Ereignissen, denen diese Aspekte fehlen, positiv abzuheben.

    Nicht umsonst geht es auch im Fußball um einen POKAL (=Kelch =Gral = Symbol der Mater Magna). Und auf den Sieger regnen Papierkonfetti in den Vereinsfarben herab (siehe „FRAU HOLLE“).

    Dies alles sind wichtige archetypische Elemente des sozialen Ereignisses „Endspiel“, die mit künstlerischem Impuls bewußt eingesetzt werden und die das Ereignis für alle Beteiligten deswegen unvergesslich machen, weil sie die höchsten Nutzenkategorien wachrufen.

  7. PS … ich finde Deine Beiträge immer im Askismet Spamfilter und muss sie dort wieder rausfischen. Keine Ahnung warum das so ist. Vielleicht hast eine Idee? Ansonsten freue ich mich immer über „Spam“ 😉

  8. Ich weiß auch nicht, woran es liegt, dass meine Beiträge im Spamfilter landen. Aber ich habe das Problem in mehreren Blogs. Vielleicht ist es die Mailadresse… ich habe mal eine andere genommen. Mal sehen, ob die hier ankommt.

    Falls es klappt, kannst Du sie ruhig wieder löschen.

  9. Pingback: “What Is Your Business?” « Das Kulturmanagement Blog


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